Michael Bar-Zohar: Hitlers jüdischer Spion [Rezension]

Die „Buchschätzer“ konnten sich mal wieder nicht auf ein gemeinsames Buch einigen. So wurde für den Monat August das Thema „Biographie“ gewählt und lange stöberte ich im Netz und in der Bücherei, fragte Freunde und andere Blogger. Ich wollte gern etwas über eine berühmte historische Persönlichkeit lesen und konnte mich einfach nicht entscheiden. So war es dann Zufall, dass ich beim etwas frustrierten Stöbern in der Onleihe auf die Biographie Paul Ernst Fackenheims stieß, eines jüdischen Spions in den Diensten der Nazis und des einzigen Juden, der bereitwillig aus dem KZ Dachau entlassen wurde.

Cover Hitlers jüdischer Spion (c) Ploettner Verlag

Inhalt:

Paul Ernst Fackenheim, internierter Jude mit der Nummer 26336 in Dachau, wurde auf Betreiben der »Abwehr« 1941 aus dem Konzentrationslager entlassen und mit einer besonderen Mission beauftragt: Als Spion ausgebildet, sollte er über dem besetzten Palästina per Fallschirm abspringen, um die Briten über ihre Verteidigungsstrategie bezüglich des Suez-Kanals auszuhorchen. Das Vorhaben scheint wahnwitzig und ebenso irrational wie die Kriegswirren selbst. Denn warum einen Juden für diese delikate Aufgabe verwenden, der bereits alles verloren hat? Die Antwort liegt in der ambivalenten Vorgeschichte Paul Fackenheims begründet, der als Held aus dem Ersten Weltkrieg hervorging und sein Leben als patriotischer Deutscher ausprägte. Erst die Machtergreifung Hitlers und dessen Judenpolitik erschütterten seine Grundeinstellungen und sein Weltbild. Unbemerkt von seinen ehemaligen Kriegskameraden, die ihn als Preis für seine Befreiung für einen neuen Kriegseinsatz instrumentalisieren wollten. (Klappentext © Ploettner Verlag)

Es ist unglaublich spannend und berührend, Fackenheims Weg von Dachau nach Palästina zu verfolgen. Die Biographie beginnt mit Fackenheims Entlassung aus dem KZ, ungläubig, immerzu auf der Hut. Die Schrecken des Lagers sitzen tief und verschonen auch den Leser nicht. Getrieben von dem Wunsch, seine Mutter zu beschützen und einer unbändigen Vaterlandsliebe, der auch die perversen Auswüchse und erlebten Schrecken der Nazis nur wenig Abbruch tun, lässt Fackenheim sich darauf ein, für die „Abwehr“ zu arbeiten. Völlig abgeschirmt und zugleich genauestens überwacht, wird er zum Spion ausgebildet, ohne auch nur zu ahnen, worin seine Mission bestehen wird. Als es soweit ist, und Fackenheim erfährt, wofür er ausgebildet wurde, ist er nahe daran einen Rückzieher zu machen. Er soll sein eigenes Volk auspähen?

Michael Bar-Zohar, 1938 in Bulgarien geboren und 1948 nach Israel immigiert, ist Historiker, Schriftsteller und Journalist. Er hört eher zufällig von einem ehemaligen Offizier der Abwehr von „unserem jüdischen Spion“, dessen Geschichte nur schwer aufspürbar ist. Es existieren keine Aufzeichnungen über seine Mission und niemand hat je von Paul Fackenheim gehört. Als Bar-Zohar ein Bündel Papiere aus privater Hand in die Hände fällt, ist ihm schnell klar, dass er Fackenheim selbst finden und befragen muss, zu wenig glaubhaft erscheint ihm dessen Geschichte. Viel Zeit vergeht bis das Glück ihm hold ist. Über mehrere Wochen verfolgt er zusammen mit Paul Fackenheim dessen bewegtes Leben, erfährt Namen und Orte. Fackenheim lässt Gespräche Revue passsieren und rekonstriert Codewörter und Zeichnungen. Anschließend sucht der Journalist nach Beweisen, findet Personen, die Fackenheims Geschichte bestätigen können.

So entsteht ein sehr bewegendes Stück Zeitgeschichte, das mich sehr beeindruckt hat und das ich mit großer Spannung verfolgt habe. Zwischen all den Fakten über Geheimdienste, Kriegsgeschehen und Hintergründen steht immer Fackenheim als Mensch im Vordergrund. Seine Gefühle und Gedanken, stets geprägt von dem Grauen, das er in Dachau erlebt hat und über das er nicht sprechen darf sowie der Sorge um die Mutter, begleiten den Leser durch das ganze Buch und geben dem „Spion“ ein Gesicht. Interessant sind auch die innerpolitischen und internationalen Verwicklungen, in die Fackenheim ahnungslos gerät und die dafür sorgen, dass sein Leben stets am seidenen Faden hängt.

Michael Bar-Zohar zeichnet ein aussagekräftiges Bild von Fackenheim, erzählt nüchtern, jedoch spannend sein Leben und stellt die wichtigsten, zeitgeschichtlichen Fakten über die Hintergründe dar. Der zweite Weltkrieg wird hier besonders im Hinblick auf die Feldzüge in Afrika (Rommel) und Deutschlands Expansionsbestrebungen im Nahen Osten beleuchtet.

© Tintenelfe5 Tintenfaesschen

Michael Bar-Zohar: Hitlers jüdischer SpionCover Hitlers jüdischer Spion (c) Ploettner Verlag

Broschiert: 312 Seiten

Verlag: Plöttner, Jonas Verlag; Auflage: 1 (13. März 2014)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3955371387

ISBN-13: 978-3955371388

Originaltitel: Hitler’s Jewish Spy: The Most Extraordinary True Spy Story of World War II

Preis: € 18,90 [D]

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2 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Trackback: Zehn Bücher, die zur Zeit der Weltkriege spielen [Top Ten Thursday] | Tintenhain
  2. Evanesca Feuerblut
    Aug 15, 2014 @ 10:18:11

    Das klingt nach einem sehr interessanten Buch – in die Richtung geht auch „Hitlerjunge Salomon“ (das allerdings eine Autobiografie ist).

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