Daniel Glattauer: Geschenkt [Rezension]

Cover (c) Deuticke

Gerold Plassek ist Journalist bei einer Gratiszeitung. Bei ihm im Büro sitzt der 14-jährige Manuel, dessen Mutter im Ausland arbeitet. Er beobachtet Gerold beim Nichtstun und ahnt nicht, dass dieser Versager sein Vater ist. Gerold fehlt jeder Antrieb, die Stammkneipe ist sein Wohnzimmer und der Alkohol sein verlässlichster Freund. Plötzlich kommt Bewegung in sein Leben: Nach dem Erscheinen seines Artikels über eine überfüllte Obdachlosenschlafstätte trifft dort eine anonyme Geldspende ein. Das ist der Beginn einer Serie von Wohltaten, durch die Gerold immer mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückt. Und langsam beginnt auch Manuel, ihn zu mögen … – Ein so spannender wie anrührender Roman, der auf einer wahren Begebenheit beruht. (Klappentext © Deuticke Verlag)

Im November 2012 begann in Braunschweig das, was später „Das Wunder von Braunschweig“ genannt werden sollte. Ein anonymer Spender beglückte soziale und karitative Einrichtungen mit großen Geldspenden, die stets in einem Umschlag mit einem hinweisenden Zeitungsausschnitt aufgefunden wurden. Daniel Glattauer ließ sich von der Aufsehen erregenden Spendenflut inspirieren und schuf einen spannenden und vor allem unglaublich gut erzählten Roman.

Glattauer legt den Handlungsort nach Wien und lässt den Journalisten Gerold Plassek erzählen, wie eine Serie von anonymen Geldspenden Schicksale positiv beeinflussen kann – nicht zuletzt sein eigenes. Zu Beginn erfährt Gerold, dass er neben seiner bei der Mutter lebenden Tochter auch Vater eines 14jährigen Sohnes ist. Natürlich nicht von derselben Frau. Manuel, der nichtsahnend fortan seine Nachmittage in Gerolds Büro verbringt, hält nicht viel von diesem Journalisten, der eigentlich nur seine Ruhe will und stets den Weg des geringsten Widerstands beschreitet. Als die Spendenflut beginnt und Gerold zunehmend mit Arbeit eingedeckt wird, wird Manuel zu seinem Assistenten. Zusammen schreiben sie Aufsehen erregende Sozialreportagen und stellen fest, dass sie als Vater-Sohn-Gespann unschlagbar sind.

Es sind zwei Geschichten, die hier erzählt werden. Da ist das Ereignis einer unfassbaren Welle von Wohltätigkeit, die eine immense Aufmerksamkeit nach sich zieht und zu Spekulationen, aber auch Gier und Missgunst führt. Hier hält Glattauer den Zeitungsmachern bei der Instrumentalisierung der uneigennützigen Spenden immer wieder einen Spiegel vor. „Ich fand es einfach nur enttäuschend, wie schnell eine so außergewöhnlich gute Sache, die allen Schutzbedürftigen in diesem System einmal ein kleines bisschen Hoffnung geben konnte, zum genauen Gegenteil pervertierte.“ (S. 66) Aber auch das Buhlen der möglichen neuen Spendenempfänger um einen Platz in der Zeitung wird zum Teil humorvoll angesprochen.
Und dann ist da noch die Geschichte vom Wandel des Gerold Plassek. Einfühlsam und mit dem typisch trockenen Humor Glattauers erzählt, erfährt der Leser, wie Gerold durch seinen Sohn das Leben neu entdeckt. Dabei fehlt es nicht an selbstironischen Tönen, die den Journalisten dann trotz all seiner Fehler liebenswert machen.

Daniel Glattauer kann wunderbar erzählen. Seine Liebe zur Sprache, die intelligenten Wortspiele und das genaue Ausloten von passenden Worten faszinieren mich immer wieder und machen dieses Buch auf ein Neues zu einem Lesegenuss. Man hat manchmal geradezu den Eindruck, dass er ein Wort lange im Munde hin und her wälzt, bevor aus ausgesprochen werden kann. Auch mag ich den feinsinnigen Humor, der mich immer wieder schmunzeln lässt und der so manche Wahrheit wohltuend verpackt.

Das Fazit lass ich Daniel Glattauer mit Gerolds Worten selbst verfassen:

Es war wundervoll! Aber war wundervoll wirklich der richtige Ausdruck? Das klang eher nach einem einmaligen Wunder, das sich nie wiederholen oder gar übertreffen ließ. Wunderschön war vielleicht besser, denn wunderschön hieß, dass es zwar schön wie ein Wunder war, was aber nicht bedeutete, dass es zwangsläufig bereits selbst ein Wunder war. Außerdem gab es mit wunderwunderschön eine natürliche Steigerung fürs nächste Mal, während es wunderwundervoll nicht gab. Also schrieb ich: Es war wunderschön. Plus zwei Ausrufungszeichen.“ (S. 299)

Daniel Glattauer liest am 21. September um 18 Uhr im Staatstheater Braunschweig (Link).

© Tintenelfe5 Tintenfaesschen

Daniel Glattauer: Geschenkt

Cover (c) DeutickeGebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Deuticke Verlag (25. August 2014)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3552062572
ISBN-13: 978-3552062573
Preis: € 19,90 [D]

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6 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Hannelore Kühlcke
    Sep 03, 2014 @ 21:10:28

    🙂 Gerade heute hat mich meine Kollegin nach diesem Autor gefragt und ich konnte ihr nur mitteilen, dass ich nichts von ihm gelesen habe. Da werde ich ihr mal morgen deinen Beitrag empfehlen
    Liebe Grüße Hanne

    Gefällt mir

    Antwort

  2. melanieenns
    Aug 30, 2014 @ 17:47:30

    Ich war auch so richtig begeistert von dem Buch. Glattauer ist einfach ein genialer Autor.
    GLG,
    Mel

    Gefällt 1 Person

    Antwort

  3. NiWa
    Aug 27, 2014 @ 10:05:40

    Hallo!
    Daniel Glattauer schreibt einfach gut, das stimmt auf jeden Fall. Ich glaube, dank deiner Rezi werde ich auch bei diesem Werk von ihm schwach.
    Liebe Grüße,
    Nicole

    Gefällt mir

    Antwort

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