Claire Hajaj: Ismaels Orangen [Rezension]

Cover (c) Random House BlanvaletInhalt:
Palästina 1948: Während der siebenjährige Salim davon träumt seine erste eigene Orangenernte einbringen zu dürfen, sind die Panzer auf dem Vormarsch auf seine Heimatstadt Jaffa. Über Nacht verliert Salim seine Heimat, doch seine Träume leben weiter und der Gedanke an eine Rückkehr zum Orangenhaus bleibt unvergessen.

Am Tag der Gründung des Staates Israel wird in England das Mädchen Judith geboren. Ihre jüdische Familie hat ein schweres Schicksal erlitten, dessen Erbe auch die folgenden Generationen überschattet. Als Salim und Judith sich ineinander verlieben, müssen sie sich nicht nur mit ihren Familien auseinandersetzen, sondern immer wieder auch mit dem Konflikt in Israel-Palästina. Kann im Kleinen gelingen, was im Großen versagt?

Ich bin auf dieses Buch einerseits begierig, andererseits skeptisch zugegangen. Der Nahostkonflikt begleitet mich bereits mein ganzes Leben. Schon mein erstes Referat in der Grundschule beschäftigte sich damit. Daher war ich sehr gespannt, wie Claire Hajaj als Tochter eines Palästinensers und einer Jüdin dieses Thema bearbeiten würde.

Zitat

In vier großen Abschnitten erzählt Claire Hajaj die Geschichten der Familien Al-Ismaili und Gold über den Zeitraum von 40 Jahren hinweg. Beginnend mit der Staatsgründung Israels – für die einen Krieg und Vertreibung, für die anderen ein Ort, der nach Jahrhunderten der Verfolgung Sicherheit verheißt. Über die Jahre hinweg bleibt der Blick auf den schwelenden und immer wieder in Gewalt ausbrechenden Konflikt gerichtet. Schonungslos werden nicht nur die Gräueltaten beider Seiten beim Namen genannt, sondern auch die Finessen, mit denen der Konflikt immer weiter angeheizt wird. Dabei bleibt Claire Hajaj immer ganz nah bei den Menschen und was mit ihnen geschieht. Es geht nicht um große Politik und es geht auch nicht darum Partei zu ergreifen.
Da ist Salim, der seine Heimat verliert und an einem Traum festhält, der sein ganzes Leben beeinflussen wird. Judith, die von klein auf erfährt, was es bedeutet Jüdin zu sein, egal ob bei den englischen Klassenkameradinnen oder bei den Arabern. Sie wagen es, ihre Liebe gegen ihre Familien zu verteidigen und träumen von einem gemeinsamen Leben ohne Hass. Und da sind ihrer beiden Kinder, zerrissen vom Konflikt der Familien ihrer Eltern und dem Gefühl Stellung beziehen zu müssen und nirgends dazu zu gehören.

Zitat
Claire Hajaj zeichnet ein warmherziges, glaubhaftes Porträt einer Familie, die sich der großen Liebe zum Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft nicht entziehen kann. Die Unterschiede kommen auch sprachlich sehr gut zum Tragen, da sie immer wieder Ausdrücke aus dem Arabischen (im Dialekt) bzw. Hebräischen/Jiddischen einfließen lässt. Besonders die Passagen, die in Palästina und im Libanon spielen, haben es mir angetan, zaubern sie doch ein lebhaftes orientalisches Bild. Der Duft der Orangen, Sinnbild der Lebensgrundlage der Region um Jaffa, ist förmlich erlebbar. So wird auch Salims Orangenbaum, gepflanzt am Tag seiner Geburt zum Symbol für das Schicksal der Familie. Claire Hajaj spielt viel mit Bildern und Metaphern, ohne dabei zu übertreiben.

Zitat

„Ismaels Orangen“ ist ein berührendes Buch über eine Familie zwischen zwei Kulturen vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts. Es wird deutlich, dass Claire Hajajs Anliegen Verständnis füreinander, Versöhnung und Frieden sind. Dass es nicht nur um Land geht, sondern vor allem um Ruhe für die Seele.

Die Autorin:
Claire Hajaj ist als Tochter eines Palästinensers und einer Jüdin mit zwei weiteren Geschwistern in England aufgewachsen. In ihrem stark autobiographisch geprägten Debüt „Ismaels Orangen“ erzählt sie auch ihre eigene Geschichte. Claire Hajaj arbeitet als Journalistin und für die UN. Zur Zeit lebt sie mit ihre neuseeländischen Mann und ihrer kleinen Tochter in Beirut.

© Tintenelfe

5 Tintenfaesschen

Claire Hajaj: Ismaels Orangen

Cover (c) Random House BlanvaletGebundene Ausgabe: 448 Seiten
Verlag: Blanvalet Verlag (16. März 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3764505168
ISBN-13: 978-3764505165
Originaltitel: Ishmael’s Oranges
Preis: € 19,99 [D]

 

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10 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Trackback: Monatsrückblick April 2017 | Tintenhain
  2. Trackback: Wir lesen und besprechen… #9 [Lesekreislektüre] | Tintenhain
  3. Cirilla von Cintra
    Mrz 26, 2016 @ 22:54:01

    Hallo Mona,

    die Geschichte hört sich unheimlich berührend an und umso mehr, da du am Ende schreibst, dass sie autobiographisch ist. Vielen Dank für diesen Tipp, das Buch landet direkt auf meiner Wunschliste.

    Alles Liebe
    Ciri

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  4. tinaherrlich
    Mrz 20, 2015 @ 22:09:26

    Vielen Dank für die tolle, ausführliche Rezension! 🙂
    „Ismaels Orangen“ ist ein Buch, das ich mir auch noch gerne kaufen würde. Vielleicht schenke ich es mir selber zu Ostern. 🙂
    Lieben Gruß von Tina

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    Antwort

    • Tintenelfe
      Mrz 21, 2015 @ 09:01:13

      Danke, war gar nicht so einfach, und ich glaube, ich bin dem Buch auch nicht gerecht geworden. Man könnte noch so viel mehr schreiben, zum Beispiel, dass ich sehr viel geweint habe, weil mich das Leben der Menschen so berührt hat.
      Ich würde mich freuen, deine Rezension lesen zu können!

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  5. nettebuecherkiste
    Mrz 20, 2015 @ 19:15:49

    Muss mir das Buch unbedingt auch bald besorgen!

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    Antwort

  6. irveliest
    Mrz 20, 2015 @ 17:33:49

    Ist das Buch auch gut zu verstehen und flüssig zu lesen, wenn man von dem Nahost-Hintergrund nicht so viel weiß? Das Buch reizt mich auch sehr, aber ich habe Bedenken, dass ich inhaltlich nicht immer ganz mitkomme.

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    • Tintenelfe
      Mrz 20, 2015 @ 19:10:27

      Ja, auf jeden Fall! Es ist in erster Linie eine Familiengeschichte. Manches denke ich wird man nach dem Lesen erst viel besser verstehen. Das Gewicht liegt aber auch nicht auf dem Nahost-Konflikt, sondern auf der Zerrissenheit zwischen den Kulturen. Die Arabischen und Hebräischen Begriffe sind alle in einem Glossar übersetzt, ergeben sich aber auch schon aus dem Text. Also bitte unbedingt lesen!!!

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