Ivonne Keller: Lügentanz [Rezension]

Cover (c) Droemer Knaur

Inhalt:
Michaela ist verwirrt. In letzter Zeit passieren ihr ständig Dinge, die sie an ihrem Verstand zweifeln lassen. Warum steht sie ratlos mit einem Telefonhörer in der Hand im Flur? Hatte ihr Mann nicht erst heute morgen, ausgerechnet an ihrem Geburtstag, gesagt, dass er sie nicht mehr liebe und sie verlassen wolle? Sie ist sich sicher, aber David versichert ihr, dass er so etwas nie gesagt habe. Michaela braucht Abstand – von ihrem Mann, ihrer Tochter Klara und den neugierigen Nachbarinnen, die schon hinter den Gardinen auf Michaelas nächsten Aussetzer lauern. Die Annonce, mit der Florian Grunwald einen Wohnungs- und Hundesitter sucht, kommt Michaela vor wie ein Wink des Schicksals. Sie zieht in seine Wohnung ein und hofft, nun Ruhe zu finden. Doch ihre Mitbewerberin Lena steht unvermittelt auf der Matte und bringt ordentlich frischen Wind in Michaelas Leben.

Nach ihrem Debütroman „Hirngespenster“ ist Ivonne Keller mit „Lügentanz“ erneut ein spannender, psychologisch raffinierter Roman gelungen. Es wird von Anfang an Spannung aufgebaut. Man fragt sich immer wieder, ob Michaela Wahnvorstellungen hat oder vielleicht doch die Menschen in ihrer Umgebung dahinter stecken könnten.

Michaela ist eine sehr ambivalente Person, mal scheint sie ganz zu wissen, was sie will, dann wiederum lässt sie sich manipulieren und ist unsicher. Die Liebe zu ihrer Tochter ist mal stark und fürsorglich, mal scheint sie eher distanziert und unzugänglich zu sein. Entsprechend schwierig ist es auch als Leser einen Zugang zu Michaela zu finden. In der Zeit mit Lena in der Wohnung des verreisten Florian Grunwald, weit weg von der Familie und der Enge der Vorstadtsiedlung, bekommt man jedoch einen Eindruck, was für eine Frau in Michaela steckt.

Für Spannung sorgen auch die zwischengeschalteten eMails von Michaelas bester Freundin Bea an Michaela, die erst nach der Handlung geschrieben wurden und somit vorweggreifen, ohne zuviel zu verraten. Die Hauptfiguren Michaela, Lena und Bea eint ein traumatisches Erlebnis in der Kindheit bzw. Jugend. Sie alle haben ihre Eltern verloren, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Wie verschieden die Frauen mit ihren Traumata umgehen und wie sie ihr Leben dennoch leben können, davon handelt dieser Roman.

Ivonne Kellers Figuren sind lebensnah, seien es der beruflich gestresste Ehemann, die neugierigen, gelangweilten Nachbarinnen, die flippige Lena, die allerbeste Freundin, die sich aufopferungsvoll und rührend seit den Tagen im Kinderheim um Michaela sorgt. Sie alle sind lebendig gezeichnet und könnten nebenan wohnen. Allein die Namen einiger Personen wirkten auf mich (unfreiwillig?) komisch: Michaela Michalsen, Bea Bern oder mein Lieblingsname Frau Leber-Schädler.

Die Spannung des Romans begründet sich auf zwei Ebenen. Einerseits ist da immer die Frage, ob Michaela halluziniert oder ob die Dinge tatsächlich geschehen. Anderseits werden die Details aus der Vergangenheit der drei Frauen nur langsam, aber stetig enthüllt. Als Leser ist man manchmal ein wenig voraus, aber immer nur soweit, dass es nicht langweilig wird und man sich auch nicht permanent vor den Kopf schlagen will, warum denn die Protagonisten auf der Leitung stehen. Trotzdem hat der Roman einige Längen. Hätte ich das Buch nicht an einem Stück lesen können, sondern wie üblich jeden Tag nur bis zu 10 Seiten, hätte ich vermutlich Schwierigkeiten gehabt, immer wieder in die Geschichte hinein zu finden. So aber konnte der Roman seine Sogwirkung entfalten und auf eine spannende Reise in seelische Abgründe entführen, wofür es 4 sehr gute Tintenfässchen gibt.

© Tintenelfe4 Tintenfässchen

Ivonne Keller: LügentanzCover (c) Droemer Knaur

Taschenbuch: 464 Seiten
Verlag: Knaur TB (4. Mai 2015)
ISBN-10: 3426515733
ISBN-13: 978-3426515730
Preis:
€ 9,99 [D]

weitere Romane von Ivonne Keller

Hirngespenster [Rezension]

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7 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Trackback: Buchkolumne/Rezension | “Lügentanz” – Ivonne Keller | Brösels Bücherregal | Der quirlig bunte Buchblog mit fränkischer Moderation
  2. Jessi
    Mai 22, 2015 @ 20:41:34

    Eine echt schöne Rezi 😀 Das Buch klingt ganz nach meinem Geschmack,ich mag so gutdurchdachte und spannende Romane!

    Liebe Grüße
    Jessi

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  3. Ela´s Büchertruhe
    Mai 19, 2015 @ 08:28:54

    Eine tolle Rezension von Dir, die vieles von dem ausdrückt, was ich empfunden habe.
    Ich selbst mochte nicht zu sehr auf die verschiedenen Handlungsstränge eingehen, die mich beschäftigten, aus Angst zu vieles vom Inhalt zu verraten.
    Von mir bekam er übrigens aus 4/5 Sterne und Hirngespinster bleibt mein „Favorit“ 🙂
    LG Ela

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    • Tintenelfe
      Mai 19, 2015 @ 21:30:09

      Ja, gar nicht so leicht zu rezensieren, das Buch, wenn man nicht viel verraten möchte. Ich glaube aber nicht, dass ich zuviel preisgebe. 🙂
      Mit „Hirngespenster“ mag ich gar nicht vergleichen. Das Buch gewinnt viel vom Überraschungsmoment, das für mich aber keine Überraschung war, weil ich aufgrund einer bestimmten Szene sehr früh auf der richtigen Fährte war. ich finde, in beiden Büchern gelingt Ivonne Keller eine wunderbare Charakteranalyse. Das finde ich schon sehr beeindruckend.

      LG
      Mona

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      Antwort

  4. Meike G.
    Mai 15, 2015 @ 18:05:37

    Hallo 🙂

    Das Buch klingt, als könne es in mein Beuteschema passen. Ich schubse es gleich mal auf meine Wunschliste. Die Story klingt so richtig schön mysteriös – und ein klein wenig gruselig.

    Liebe Grüße
    Meike

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