Karen Joy Fowler: Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke [Rezension]

Cover (c) Mahattan

Wie gut, dass ich nicht gern Klappentexte lese und auch Covern nicht allzu viel Aufmerksamkeit im Detail schenke. So wurde ich nicht um die Überraschung und das Erstaunen nach dem ersten Viertel des Buches gebracht. So wusste ich nur, es geht um eine Familiengeschichte und konnte mich ganz auf ein ungewöhnliches Erzählerlebnis einlassen. Und genau das empfehle ich auch jedem, der dieses Buch lesen mag: Nach dieser Rezension einfach das Buch kaufen, den Schutzumschlag entfernen (sollte man sowieso immer) und loslesen, ohne vorher noch mal nach rechts und links geguckt zu haben.

Rosemary ist als Kind eine unglaubliche Plappertasche, ihr Mund steht niemals still und sie kommt vom hundersten ins tausendste. Der Rat ihrer Eltern: „Wenn dir zwei Dinge einfallen, die du sagen willst, nimm die schönere, die beste Sache!“ und „Fang in der Mitte an!“
So beginnt die Ich-Erzählerin Rosemary auch in ihrer Erzählung in der Mitte, an dem Tag 1996 als ein Zwischenfall in der Mensa unerwartet dafür sorgt, dass sie an ihre Kindheit erinnert wird. Ihre Kindheit, in der ihre Schwester Fern im Alter von fünf Jahren von einem auf den anderen Tag verschwand. Auch der große Bruder verließ die Familie. Ein doppeltes Trauma, das Rosemary zu einer introvertierten, schweigsamen Frau hat werden lassen. Rosemary sieht sich gezwungen, über die Ereignisse von vielen Jahren nachzudenken und Stück für Stück kommen der jungen Studentin die Erinnerungen wieder. Der Tag an dem das Schweigen Einzug hielt. Als die Mutter die Zeit zunehmend im Bett verbrachte und der Vater, Wissenschaftler und Verhaltensforscher, sich verändert und sich ganz auf nüchterne Betrachtungsweisen zurück zieht. Als der große Bruder aus der Bahn geworfen wird und die fünfjährige Rosemary die Welt nicht mehr versteht. Natürlich möchte ich nicht zuviel vorwegnehmen und verraten, warum Fern ein so besonderes Kind war. Es traf mich wie ein großer Paukenschlag und alle Puzzleteilchen fielen an ihren Platz.

Die Ungewissheit, in der man auf den ersten 90 Seiten des Buches gelassen wird, hat mich zugegebenermaßen anfangs zunehmend genervt. Doch Rosemary erklärt, warum sie des Rätsels Lösung um ihre Schwester Fern nicht eher enthüllt und versöhnt somit den Leser für die Durststrecke. Ab dem Augenblick entfaltet Karen Joy Fowlers Roman um eine sehr außergewöhnliche Familiengeschichte eine regelrechte Sogwirkung. Die ganze Bandbreite an Gefühlen wird angesprochen: Man schwankt zwischen Freude, Entsetzen, Erstaunen, Ekel, Wärme, Geborgenheit und Liebe. Beeindruckend ist auch die sehr gute Recherche und wissenschaftliche Detailgenauigkeit. Vieles aus meinem Studium (Psychologie im Nebenfach) habe ich wieder erkannt, Vieles geht darüber hinaus.

Fowler erzählt mit vielen Zeitsprüngen, jedoch klar strukturiert. Ihre Sprache ist ausdrucksvoll und kraftvoll. Das Buch gibt einem viel zum Nachdenken auf, lässt philosophische Gedanken anklingen und rührt an Moral und Ethik.

Es ist wirklich sehr schwer, dieses Buch zu rezensieren und ihm dabei gerecht zu werden. Ich hätte so unglaublich viel zu sagen und darf es nicht, ohne euch um den Knalleffekt zu bringen. Ob Karen Joy Fowler sich dessen bewusst war, als sie ihre Geschichte konzipierte? Wie soll man das Buch empfehlen, ohne verraten zu dürfen, worum es eigentlich geht? Ihr müsst mir also einfach vertrauen und euch auf eine ungewöhnliche Geschichte mit einem sehr realen Hintergrund einlassen.

© Tintenelfe

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5faesschen

Karen Joy Fowler: Die fabelhaften Schwestern der Familie CookeCover (c) Mahattan

Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Manhattan (11. Mai 2015)
Originaltitel: We Are All Completely Beside Ourselves
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Marcus Ingendaay
ISBN-10: 3442547377
ISBN-13: 978-3442547371
Preis: € 17,99 [D]
Kaufen
und kostenlos liefern lassen: Buchhandlung Graff
Rezensionsexemplar

 

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16 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. nettebuecherkiste
    Jun 13, 2015 @ 16:18:59

    LOL, nachdem ich grad den Originaltitel nachgelesen hab: Das ist ja schon auf meiner Liste! 😀

    Gefällt 1 Person

    Antwort

  2. nettebuecherkiste
    Jun 13, 2015 @ 16:17:50

    Kommt auf meine Liste! 🙂

    Gefällt 1 Person

    Antwort

  3. Buchschätzerin
    Jun 12, 2015 @ 23:23:44

    Liebe Tintenelfe,
    Nachdem Du bei Vea Kaiser so von dem Buch gechwärmt hast, habe ich nochmal gewühlt…. Da war doch was… Richtig, ein englisches Ebook, das ich zu schnell abgebrochen habe. Ich versuche es einfach nochmal!
    Ganz liebe Grüße deine Buchschätzerin

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    • Tintenelfe
      Jun 13, 2015 @ 08:01:34

      Oh, da bin ich sehr gespannt. Man muss am Anfang ein bisschen durchhalten. Auf Englisch hätte ich vermutlich auch abgebrochen. 🙂 Gib dem Buch doch noch mal eine Chance. Ich bin sehr gespannt, was du dazu sagst. Wäre übrigeübrigens auch ein prima Lesekreisbuch.
      Schönes Wochenende!

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  4. buzzaldrinsblog
    Jun 11, 2015 @ 16:48:26

    Eine schöne Besprechung, die auf keinen Fall zu viel verrät. 🙂 Das ist echt schwer, über so ein großartiges Buch zu schreiben, ohne wirklich verraten zu können. warum es so großartig ist – dir ist das aber gut gelungen.

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    • Tintenelfe
      Jun 11, 2015 @ 19:16:09

      Ich hätte so gern etwas zum Thema des Buches geschrieben, aber das geht ja nun nicht. Auf der Suche nach Rezensionen zum Verlinken bin ich auf deine gestoßen, die mir sehr gut gefallen hat. Du hast das meisterhaft hingekriegt! 🙂

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  5. Ela
    Jun 11, 2015 @ 13:10:25

    Eine wunderbare Rezi die sofort Lust auf diese Geschichte macht. Nun wandert es auf meiner Liste ganz nach oben, als Hörbuch 😉
    LG Ela

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  6. irveliest
    Jun 11, 2015 @ 12:17:57

    Das hat doch gut geklappt….meine Neugier ist erwacht und du hast keinen Knaller verraten 😉
    Super die Idee mit den Verlinkungen auf andere Rezensionen am Schluss.
    Diese Idee möchte ich auch gerne ab demnächst umsetzen….Bitte sieh das nicht als Ideenklau sondern als Lob!

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    • Tintenelfe
      Jun 11, 2015 @ 19:21:55

      Ich glaube nicht, dass ich die erste bin, die andere Rezensionen verlinkt. 😉 Ich habe mir jedoch vorgenommen, das regelmäßig zu machen. Es tut mir übrigens Leid, dass ich bei dir im Moment so selten kommentiere. Ich komme zur Zeit kaum zu etwas am Blog und am PC. Diese beiden letzten Postings waren aber bitter nötig. 😉

      Gefällt 1 Person

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