Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter [Rezension]

Cover (c) DVA Verlag

Inhalt:
Die junge Jean Louise kehrt in ihr Heimatstädtchen Maycomb zurück. Für die in New York lebende Frau mutet manches in dem verschlafenen Südstaatennest rückständig an und löst Erinnerungen an ihre Kindheit aus. Auch muss sie sich der Frage stellen, ob sie Jugendfreund Henry, mit dem sie so viele Erinnerungen teilt, heiraten möchte. Als sie heimlich eine Sitzung der Maycomber Bürgerschaft belauscht, bricht für Jean Louise eine Welt zusammen und sie steht vor einer schweren Entscheidung.

Anfang des Jahres wurde „Go Set a Watchman“, so der Originaltitel, als literarische Sensation gefeiert. Ein verschollenes Manuskript, das Jahrzehnte in einer Schublade lag. Das Manuskript, aus dem nach einer sehr starken Überarbeitung und Veränderung der amerikanische Klassiker „Wer die Nachtigall stört“ (Rezension) entstanden ist. Alle Welt wartete auf die Veröffentlichung des Buches, dem bereits vor Veröffentlichung kritische Stimmen entgegen schlugen.

Ich war sehr gespannt auf dieses Buch, nachdem mir „Wer die Nachtigall stört“ so sehr gut gefallen hat, dass ich es anschließend in sämtliche Bücherrunden mitnahm und weiterempfahl. Beim Lesen der „Fortsetzung“ muss dem Leser immer bewusst sein, dass es sich eigentlich um den Vorgänger und um das ursprüngliche Manuskript des bekannten Klassikers handelt. Jedoch ist das ursprüngliche Werk durch die Verlegung in eine frühere Zeit und einem anderen Fokus so stark verändert worden, dass sich erstaunlich wenig Gemeinsamkeiten wiederfinden. Nicht nur ist der „Wächter“ in der distanzierteren dritten Person geschrieben, auch sind es nur wenige Personen, die den beiden Büchern gemeinsam sind. Kinderfreund Dill, der eine wichtige Rolle spielt, wird im „Wächter“ kaum erwähnt. Die merkwürdigen Nachbarn, die bei der Nachtigall eine große Rolle spielen und letztendlich zur Titelgebung „Wer die Nachtigall stört“ beitragen, gibt es nicht. So bekommt man einen Eindruck, wie die „Nachtigall“ vielleicht entstanden ist. Was schon vorher da war und was ergänzt und ausgebaut wurde. Die Gerichtsverhandlung, die den Kern von „Wer die Nachtigall stört“ ausmacht, wird nur beiläufig erwähnt.

Auch wenn der Ton in der Erzählung unverwechselbar der Harper Lees ist, hat für mich „Wer die Nachtigall stört“ eindeutig die Nase vorn und vor allem atmosphärisch viel voraus. Bei der „Nachtigall“ spürt man förmlich die Luft flimmern, während der „Wächter“ doch eher mit der Diskussion über moralische Werte punktet. Was das erzählerische Können und das schriftstellerische Handwerk betrifft, ist „Gehe hin, stelle einen Wächter“ das Gesellenstück während „Wer die Nachtigall stört“ eindeutig das Meisterstück ist. Es ist jedoch interessant zu sehen, was aus dem Wildfang Scout geworden ist. Die Rückblenden in die Kindheit machen einen Großteil des Charmes des „Wächters“ aus, so dass durchaus verständlich ist, warum Lees Lektorin damals vorschlug, diesen Teil zum Inhalt der „Nachtigall“ zu machen.

Scout wirkt als Erwachsene wenig gereift. Man spürt noch immer die kindliche Naivität, der Abschied von der Kindheit ist noch nicht vollzogen. Bei der Rückkehr nach Maycomb wirkt sie erstaunt, dass das Leben ohne sie weiter ging. Für ihren Kinderfreund Henry kann sie sich nicht richtig entscheiden. Sie will bewahren und sieht nicht den Fortgang der Zeit. Der Schock, ihren Vater zusammen in einer Versammlung mit Mitgliedern des Ku-Klux-Clanes zu sehen, erweckt ihre alte Starrköpfigkeit. Es braucht eine Weile und viel Überzeugungsarbeit des Onkels bis sie sich dem stellen kann, dass es nicht nur schwarz und weiß, gut und böse, gibt.

„Gehe hin, stelle einen Wächter“ wirkt meiner Meinung nach nur in Zusammenhang mit der besseren Version „Wer die Nachtigall stört“. Auch wenn der „Wächter“ unterhaltsam und nicht schlecht geschrieben ist, so kann er allein nicht überzeugen. In Bezug auf die berühmte, zeitlose vollständige Überarbeitung aber interessant, weil das Buch manches klarer sehen lässt. So wird zum Beispiel deutlich, dass die den Vater vergötternde kleine Scout letztendlich nur ihre eigene, kindliche Sichtweise auf Atticus beschrieben hat, und Atticus nie der über allem stehende Vater war, von dem auch die Leserschaft so begeistert war. Auch erscheinen die in meiner Rezension beschriebenen Brüche in der Erzählweise von Scout in der „Nachtigall“ begründet in der Nachbearbeitung.

„Gehe hin, stelle einen Wächter“ ist auf jeden Fall lesenswert und immer noch zeitgemäß. Das Buch bietet viel Diskussionsstoff und eignet sich meiner Meinung nach excellent für Lesekreise.

© Tintenelfe

Diese Blogger sind ebenfalls noch einmal nach Maycomb zurückgekehrt
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Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter

Cover (c) DVA VerlagGebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt; Auflage: 6 (17. Juli 2015)
Originaltitel: Go Set A Watchman
Übersetzung aus dem Englischen: Ulrike Wasel, Klaus Timmermann
ISBN-10: 3421047197
ISBN-13: 978-3421047199
Preis: € 19,99 [D]
Kaufen und kostenlos liefern lassen: Buchhandlung Graff
Rezensionsexemplar

3 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Mareike von Herzpotenzial
    Sep 13, 2015 @ 22:16:57

    Liebe Mona,

    ich habe vor wenigen Tagen den Film zu „Wer die Nachtigall stört“ gesehen und war direkt wieder im Buch.
    Wie herrlich dieses Buch doch ist! Doch „Gehe hin, stelle einen Wächter“ liegt hier immer noch unangetastet – zu sehr habe ich angst, dass es mir meine Begeisterung an ihren Figuren schmälert.

    Vielen Dank übrigens, dass du uns verlinkt hast🙂

    Liebe Grüße
    Mareike

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  2. LarasWelt
    Sep 10, 2015 @ 10:42:36

    Cool, dass du dieses Buch liest. Ich will bald mit „Wer die Nachtigall stört“ anfangen.

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