Warum Jojo Moyes 70.000 Wörter löschen musste [Lesung]

Jojo Moyes in Braunschweig Es ist schon sehr viel länger als „Ein ganzes halbes Jahr“ her, dass ich das Buch mit selbigem Namen von Jojo Moyes gelesen habe. Ich erinnere mich daran, dass dieses Buch mich sehr mitgenommen hat, nicht zuletzt dadurch, dass ein lieber Freund zu dem Zeitpunkt an ALS erkrankt war und ich mich durch Wills Situation immer wieder daran erinnert fühlte. Selten hat mich ein Buch so sehr berührt, was man sicher auch meiner Nicht-Ganz-Rezension ansehen konnte.

Als ich nun in meiner Lieblingsbuchhandlung Graff die Ankündigung sah, dass Jojo Moyes mit dem Sequel „Ein ganz neues Leben“ nach Braunschweig kommen würde, kaufte ich spontan zwei Karten. Diese Autorin wollte ich gern sehen, auch wenn ich weiter nichts von ihr gelesen habe und auch nicht sicher war, ob ich wirklich eine Fortsetzung brauchen würde.

Die Buchhandlung war proppenvoll, manchmal wundert man sich, wie aus den vollgestellten Verkaufsflächen ein richtiger Lesungssaal entstehen kann. Auf dem Podium gesellten sich zu Jojo Moyes die Moderatorin Margarete von Schwarzkopf und die Schauspielerin Rika Weniger, die die deutschen Passagen las.

Rika Weniger, Jojo Moyes, Margarete von Schwarzkopf

Margarete von Schwarzkopf führte souverän mit klugen Fragen durch den Abend und verstand es sowohl, das des Englischen mächtige Publikums nicht zu langweilen als auch diejenigen, die kein Englisch verstehen, mit einzubeziehen. Auch merkte man, dass die Chemie zwischen ihr und der Autorin stimmte. Rika Weniger, die im Gespräch eher eine Nebenrolle spielte, wurde dennoch immer wieder mit einbezogen und mehr als einmal wies Margarete von Schwarzkopf auf die Premiere des Theaterstücks „Gott des Gemetzels“hin, in dem die Schauspielerin ab nächster Woche auftritt.

Jojo Moyes berichtete von den Schwierigkeiten, die die Fortsetzung beim Schreiben mit sich brachte. Eigentlich dachte sie, es sollte ihr leicht fallen, da sie die Charaktere doch schon so gut kannte und normalerweise sehr viel Zeit auf deren Erschaffung verwendet. Doch war es nicht ganz einfach, sich nicht von der traurigen Stimmung mitreißen zu lassen, die Louisa nach dem Tod Wills befällt. So nutzte sie wieder ihren altbekannten Humor, der den Leser den Text mit einem weinenden und einem lachenden Auge lesen lässt. Hier machte sie den deutschen Lesern ein besonderes Kompliment, indem sie sagte, sie hätten einen ähnlich schwarzen Humor wie die Briten.

Jojo Moyes

Eine besondere Wende brachte auch die Figur der Lily mit sich. Erst als sie eines frühen Morgens aufwachte und laut ausrief, „I know, I know what it ist!“ – was ihr Mann mit „Oh God, I hate living with a writer!“ kommentierte – konnte die Geschichte funktionieren. Der Anfang, zu dem Louisa als Krankenschwester arbeitete, musste auch noch einmal umgeschrieben werden. Aber Arbeit verwerfen, die sie nicht für gut befindet, das kann Jojo Moyes ganz gut. Sie hat noch nie etwas, das sie aus einem Buch herausgeschmissen hat, bereut. Für ihren Roman „Ein Bild von dir“ hat sie sogar ganze 70.000 Wörter, fast den halben Roman, gelöscht. Erst dann funktionierte die Geschichte so, wie sie sollte und wurde zu einem großen Erfolg. Hilfreich für sie ist dabei das laute Vorlesen der eigenen Texte. Erst dann merkt sie auch, ob ein Dialog funktioniert. Sie verlässt sich hier auf ihr Bauchgefühl – wenn das nicht stimmt, dann stimmt auch der Text nicht.

Jojo Moyes signiertJojo Moyes und Margarete von Schwarzkopf spielten einander immer wieder die Bälle zu und unterhielten das Publikum aufs Königlichste. Ich war erstaunt, wieviel Zeit sie sich für das zum Teil sehr persönliche Gespräch ließen. Zum Thema Trauer erzählte Jojo Moyes wie tief verstrickt sie in ihre Trauer war, als ihr jüngster Sohn taub geboren wurde. Heute lacht sie darüber, dass sie ihr Pferd anschrie, warum es hören könne, ihr Sohn aber nicht.

Jojo Moyes in Braunschweig

Mich hat die Lesung übrigens davon überzeugt, das Buch nun doch zu lesen und meine Mama kann sich an Weihnachten über ein signiertes Buch freuen. Und alle Fans von Jojo Moyes können sich auf den Film „Ein ganzes halbes Jahr“ freuen, der 2016 in die Kinos kommt. Außerdem ist Band drei bereits in Planung.

© Tintenelfe

 

8 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. karengraceholmsgaard
    Nov 21, 2015 @ 09:29:26

    Ich glaube, das Löschen gehört manchmal mit zum Handwerk…
    Gruß Karen

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  2. Hannelore Kühlcke
    Nov 20, 2015 @ 16:03:17

    🙂 Dein Beitrag erinnert mich wieder einmal daran, dass ich unbedingt die drei Bücher von ihr lesen sollte. Stehen im Regal und warten …
    P.S. Übrigens hat es geklappt und ich habe, da ich deinen Blog per Mail abonnniert habe, auch über diesen neuen Beitrag diesen erhalten.
    LG Hanne

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    • Tintenelfe
      Nov 20, 2015 @ 19:40:38

      Mich hat die Lesung wieder daran erinnert, warum ich das Buch so gern mochte. Es war diese Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor. Ich habe jetzt richtig Lust auf mehr bekommen.
      Bei deinem Blog funktioniert es auch. Ich kriege immer fleißg Mails kurz nach Mitternacht.

      Liebe Grüße
      Mona

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  3. elizzy91
    Nov 20, 2015 @ 11:09:15

    Ein super Beitrag!

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  4. Ela
    Nov 20, 2015 @ 07:37:14

    Hi Mona,
    danke für den interessanten Bericht, der mir die Autorin noch viel sympathischer werden lässt und Dank dem ich auch „ein ganz neues Leben“ noch viel besser nachvollziehen kann als ich es eh schon konnte.
    Denn wie Du weißt, fand ich das Buch richtig gut. Ich bin ohne großen Vergleiche an den Vorgänger rangegangen, denn es war klar, es ist in dem Sinne, eine ganz neue Geschichte. Und die gefiel mir obendrauf🙂
    Ob ich jetzt unbedingt den dritten Band dann auch noch lesen oder hören muss, weiß ich allerdings noch nicht. Eigentlich sollte die Geschichte ja ausgereizt sein.
    Eigentlich …🙂
    Wünsche Dir ein schönes Wochenende,
    LG Ela

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  5. ChaostanteKarin
    Nov 20, 2015 @ 07:32:40

    Toll geschrieben!
    Mich hat das Buch einfach zu sehr an „Ziemlich beste Freunde“ erinnert. So wird es mir dann sicher auch mit dem Film gehen. Auch wenn das eine eine Freundschaft und das andere eine Liebe war, so sind mir die Parallelen einfach zu nah.

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    • Tintenelfe
      Nov 20, 2015 @ 19:44:20

      Ich habe „Ziemlich beste Freunde“ gerade erst vor kurzem gesehen. Ein schöner Film, der sicher Parallelen aufweist, aber das beschränkt sich eigentlich auf das Grundthema. Das Buch „Ein ganzes halbes Jahr“ ist wirklich etwas Besonderes, obwohl mir das Genre eigentlich nicht liegt.
      Ich finde, dass die beiden Bücher/Filme nebeneinander legitim sind. Ich hab auch nach „Harry Potter“ noch Bücher mit Internatsgeschichten und Zauberlehrlingen gelesen. Nur kopiert sein dürfen sie nicht!

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