G.R. Gemin: Milchmädchen [Rezension]

Cover (c) Königskinder Verlag (Carlsen)

Wie es kommt, dass Gemma sich plötzlich für Kühe interessiert und ausgerechnet Cowgirl Kate ihre neue Freundin wird, kann Gemma selbst nicht ganz begreifen. Die Ereignisse in der heruntergekommen walisischen Siedlung Bryn Mawr, in der Einbrüche und Überfälle an der Tagesordnung sind, überschlagen sich und statt über den Vater im Knast oder die überforderte Mutter nachzudenken, hat Gemma plötzlich alle Hände voll zu tun, um Kates Kühe zu retten. Zwölf Kühe, denen nach einem Schicksalschlag auf dem Hof, der Gang zum Schlachter droht. Kurzerhand entführen die Mädchen die Tiere, eine Aktion, die die Bewohner der Siedlung zusammen bringt und in jedem das Beste zum Vorschein holt.

„Milchmädchen“ war ein absoluter Spontankauf, das Buch war mir vorher noch nicht aufgefallen, aber der Klappentext war ansprechend und die Aufmachung der Bücher aus dem Königskinder-Verlag ist ohnehin immer ein Augenschmaus, der zum Kauf verführt.

Gemma, die etwa 12 Jahre alt ist, hat es nicht ganz leicht. Der Vater ist wegen Diebstahls und Betrugs im Knast, die Mutter fühlt sich allein und schafft es gerade, die beiden Kinder durchzubringen. Bruder Darren ist ein kleiner Fiesling, bei dem jetzt schon absehbar ist, dass er mal auf die schiefe Bahn geraten könnte. Doch Gemma schlägt sich so durch und wenigstens gerät sie nicht mit der Wortführerin Sian aneinander. Das ändert sich, als sie Kate, die von allen Cowgirl genannt wird, kennen lernt, die nicht weit von der Siedlung Bryn Mawr auf einem Bauernhof wohnt. Eigentlich will Gemma nichts mit dem Mädchen zu tun haben, aber Gemmas Oma, die als junges Mädchen auf dem Hof gearbeitet hat und sich nach der Landarbeit sehnt, macht Gemma einen Strich durch die Rechnung und freundet sich mit Kate an.

„Eine Menge Leute schaute vorbei, um Jane zu beglotzen. Ich fand das witzig, denn, also ehrlich, wenn man eine Kuh sehen will, kann man doch einfach hinaus aufs Land fahren – da gibt es Kühe in Massen. Aber kaum stand eine in einem Garten in Bryn Mawr, schon war es so, als ob ein Promi aufgekreuzt wäre.“ (S.110)

Es ist bezaubernd zu lesen, wie Gemma beginnt, ihre Umgebung mit anderen Augen zu sehen, wie sie erstarkt und lernt für sich und andere einzustehen und dabei feststellt: So schwer ist das gar nicht. Die Veränderungen, die mit den Kühen in der heruntergekommenen Siedlung Bryn Mawr einhergehen, wirken manchmal wie ein Traum. Andererseits kann man hier sehen, wie Quartierssozialarbeit gelingen kann, wobei der Prozess hier nicht von außen sondern den Bewohnern selbst initiiert und gesteuert wird. Es ist anrührend, wenn man nach und nach die Nachbarn von Oma Lilly kennenlernt, Menschen, die gern etwas ändern möchten und beherzt zugreifen, als sich ihnen die Möglichkeit bietet.

Der Roman wird in flottem Tempo aus der Ich-Perspektive Gemmas erzählt, was dem Leser das feinfühlige und charakterstarke Mädchen besonders nahe bringt und die Veränderungen fühlbar macht. Ihre Auseinandersetzung mit der Umwelt, aber auch mit der eigenen Familiengeschichte ist nacherlebbar und berührend. Dabei ist Giancarlo R. Gemin nie verurteilend oder belehrend, sondern es gelingt ihm jede Figur für sich sprechen zu lassen.

Giancarlo R. Gemin ist mit seinem Debütroman ein wunderbares Buch für junge Menschen gelungen, das Mut macht, etwas zu verändern und das dabei ans Herz geht. Während des Lesen hätte ich am liebsten überall „Kühe machen glücklich“ hingekritzelt, so hinreißend werden die Veränderungen im Ort und in Gemmas Familie beschrieben. Gemma und das Cowgirl Kate sind ganz besondere Menschen, die mit ihrer direkten und warmherzigen Art berühren, und bei denen man sich vielleicht selbst wünscht, mit ihnen befreundet zu sein.

Dieses zauberhafte, herzerwärmende Buch empfehle ich nun ganz dringend erst einmal meinen beiden größeren Töchtern und dann allen Leuten, die mir demnächst über den Weg laufen – und natürlich Euch! Lesen, sich verzaubern und von Kühen glücklich machen lassen!

© Tintenhain

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Giancarlo R. Gemin: Milchmädchen 5 Tintenfaesschen

Cover (c) Königskinder Verlag (Carlsen)Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
Verlag: Königskinder (18. März 2016)
Originaltitel: Cowgirl
Übersetzung aus dem Englischen: Gabriele Haefs
ISBN-10: 3551560269
ISBN-13: 978-3551560261
Altersempfehlung: ab 12 Jahren
Preis: € 16,99 [D]
Kaufen und kostenlos liefern lassen: Buchhandlung Graff (kein Affiliate-Link)
gekauft

 

2 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Trackback: Eine Audienz bei den Königskindern [Aktion] | Tintenhain
  2. pimisbuecher
    Mai 24, 2016 @ 10:51:52

    MIr ist das Buch letztens schon auf irgendeinem Youtube Kanal über den Weg gelaufen. Dank deiner Rezi, ist es jetzt auf meiner Wunschliste😉

    Gefällt 1 Person

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