Mechthild Borrmann: Trümmerkind [Rezension]

truemmerkind

Ein kleiner Junge steht im Hungerwinter 1947 frierend in den Ruinen Hamburgs. Er ist ungewöhnlich gut gekleidet und scheint zu niemandem zu gehören. Doch Hanno, der in den zerbombten Häusern nach Holz und Metall sucht, hat gerade in den Trümmern eine Frauenleiche entdeckt, zu geschockt, um darüber zu reden. Kurz entschlossen nimmt der 15jährige den Kleinen mit nach Hause. Findelkind Joost wächst bei der Familie Dietz auf.
Jahre später, Deutschland ist bereits wieder vereint, macht Joost, inzwischen Architekt, durch Zufall eine Entdeckung und die Trümmermorde von Hamburg werden wieder aufgerollt.

Vor der Kulisse des Endes des zweiten Weltkrieges erzählt Mechthild Borrmann eine Familiengeschichte, die geprägt ist von Trennung, Entbehrung und Zusammenhalt. In zwei Zeitebenen und drei Handlungssträngen entfaltet sich eine packende Geschichte, von der klar ist, dass alles miteinander zusammenhängt und doch stellt sich dem Leser die Frage, wie die Puzzlesteinchen zusammenpassen. Mit Hanno und seiner Familie erleben wir den harten Winter von 1946/47. Mit der Mutter und der kleinen Schwester kämpft er ums Überleben. Schwarzmarkt und Plünderungen gehören zum Leben dazu. Die Mutter klopft Steine und näht abends bis zum Umfallen für die Frauen der Engländer Kleider. In der Uckermark 1946 hingegen steht wohlhabende Familie Anquist vor dem Aus ihrer Existenz. Die Russen haben den familieneigenen Gutshof beschlagnahmt, die Deportation steht bevor. Tochter Clara kämpft um ihre Familie und das, was vom Vermögen geblieben ist. Soll sie wirklich die Chance nutzen und nach Spanien gehen? Alles hier aufgeben?
1992, kurze Zeit nach der Wende und Wiedervereinigung, stellt sich Anna Meerbaum die Frage, ob sie wirklich um eine Entschädigung für Gut Anquist, auf dem ihre Mutter aufwuchs, kämpfen soll. Doch die Mutter blockt – mit der Vergangenheit will sie nichts zu tun haben. Zum ersten Mal in ihrem Leben lehnt sich Anna gegen die Mutter auf, denn sie spürt, dass dies auch ihre Geschichte ist.

Die Wechsel zwischen den Handlungsebenen erfolgen schnell, so dass man kaum eine Pause hat. Jeder Erzählstrang für sich ist so spannend erzählt, dass man unbedingt in ihm verweilen möchte, um alles auf einmal erfahren zu können. Mechthild Borrmann erzählt empathisch, atmosphärisch dicht und mit klaren Worten. Geschönt wird nichts, weder das Leid und der Hunger im harten Winter noch die Gräueltaten der sowjetischen Soldaten. Aber auch die nächsten Nachbarn können zu Raubtieren werden, wenn es um das Überleben geht. Es sind viele verschiedene Facetten der Nachkriegszeit, die Borrmann lebendig macht und somit ein eindringliches Bild zeichnet, das einen so schnell  nicht wieder loslässt und atemlos Seite für Seite lesen lässt.  Dabei wirkt die Vergangenheit mit ihrer entbehrungsreichen Zeit authentisch und nachvollziehbar.

Ich habe das Buch als Kriminalroman empfohlen bekommen, als Mechthild Borrmann zum Krimifestival in Braunschweig war. (Die Lesung soll übrigens überragend gut gewesen sein.) Als Kriminalroman habe ich das Buch trotz der Morde in der Nachkriegszeit allerdings nicht gelesen. Dafür bekommen sie erst zu spät im Roman eine Bedeutung. Dennoch ist das Buch unglaublich packend und bewegend und ganz sicher eines meiner Highlights in diesem Jahr.

© Tintenhain

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Mechthild Borrmann: Trümmerkindtruemmerkind

Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Droemer HC (2. November 2016)
ISBN-10: 3426281376
ISBN-13: 978-3426281376
Preis: € 19,99 [D]
Kaufen und kostenlos liefern lassen:
Buchhandlung Graff (kein Affiliate-Link)

Rezensionsexemplar

 

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5 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. einlesehorn
    Dez 30, 2016 @ 21:38:35

    Hallo meine Liebe,

    ich habe dich für den Liebster Award nominiert! Auf meinem Blog findest du die Fragen, die ich dir gestellt habe.

    Liebe Grüße und einen guten Rutsch,
    Dani

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    Antwort

  2. Anne-Marit
    Dez 30, 2016 @ 17:25:38

    Habe von der Autorin das Buch „Der Geiger“ abgebrochen. Obwohl es mich von der Thematik her interessiert. Dieses nun hört sich auch wieder gut an. Hm.

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    Antwort

  3. Nicole Wagner
    Dez 30, 2016 @ 16:55:33

    Hallo Mona,

    mir war schon vor deiner Rezi klar, dass ich das Buch lesen muss, aber jetzt wandert es noch weiter die Wunschliste hinauf. Auch wenn es kein Krimi ist, klingen allein der historische Rahmen und das Setting höchst lesenswert.

    Liebe Grüße,
    Nicole

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  4. Kasin von KeJas-BlogBuch
    Dez 30, 2016 @ 14:11:43

    Hab ich ja schon bei Dir entdeckt – also das Buch und jetzt durch Deine Rezension – ok – muss ich lesen. Die Thematik reizt mich immer enorm und wenn es so gut dargestellt ist wie Du schreibst wird es auch mir gefallen.
    Wünsche Dir einen guten Rutsch in das neue Jahr und viel Glück und Gesundheit.
    Liebe Grüße
    Kasin

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    • Tintenhain
      Dez 30, 2016 @ 14:17:50

      Liebe Kasin,

      ich finde, ich bringe in meiner Rezension nicht annähernd meine Begeisterung, wie ich sie beim Lesen empfunden habe, rüber. Die richtigen Worte wollten nicht fließen. Schön, dass ich dich trotzdem für das Buch interessieren konnte. 🙂
      Dir auch einen guten Start in ein neues, gesundes, erfolgreiches und mit tollen Büchern gefülltes Jahr!

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