Elisabeth Herrmann: Zeugin der Toten (1) [Rezension]

Cover (c) List Ullstein

Spuren eines quälend langsamen Todes, Blutlachen wie Seen, Hände, die verzweifelt Halt suchen. Judith Kepler hat viel gesehen. Sie wird gerufen, wenn die Spurensicherung geht. Sie macht aus Tatorten wieder bewohnbare Räume. Sie ist ein Cleaner. In der Wohnung einer grausam ermordeten Frau begegnet sie ihrer eigenen Vergangenheit. Die Tote kannte Judiths Geheimnis. Unter mysteriösen Umständen war Judith als Kind in ein Heim gebracht worden. Herkunft unbekannt. Immer im Schatten dabei, die Staatssicherheit. Als Judith Fragen zu stellen beginnt, gerät sie in das Visier mächtiger Gegner. (Klappentext)

In einem Kinderheim auf Rügen in der DDR verschwindet 1985 ein Mädchen. Ein anderes taucht an seiner Stelle auf und der Erzieherin Martha wird Stillschweigen verordnet. Fünfundzwanzig Jahre später arbeitet Judith Kepler in einem Reinigungsunternehmen als Cleaner. Sie ist es, die Wohnungen nach Todesfällen wieder bewohnbar macht. Doch als sie eines Tages die Wohnung einer kaltblütig ermordeten Frau ganz in der Nähe ihrer eigenen Wohnung reinigt, wird sie mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert. Es ist ihre eigene Heimakte, die ihr in die Hände fällt und die eigentlich den Schreddern der Stasi zum Opfer gefallen sein soll. Was wollte die ermordete Schwedin damit und welche Verbindung gab es zwischen ihnen? Als Judith kurz darauf einen Mitarbeiter des BND überrascht, wie dieser in der Wohnung der Ermordeten Wanzen abmontiert, weiß sie, dass sie auf der richtigen Spur ist.

Schon mit dem Prolog, in dem Judiths Ankunft im Kinderheim in einer Nacht-und-Nebel-Aktion erzählt wird, hatte mich Elisabeth Herrmann mit ihrem Mix aus Kriminalroman und Politthriller in ihren Bann geschlagen. Stück für Stück rollt sie einen Fall aus der Vergangenheit auf, in den verschiedene Geheimdienste involviert sind und der bis heute seine Spuren hinterlässt. Mit dem Auftauchen von Mikrofilmen mit Namen sämtlicher Spione der Stasi im Ausland wird die Vergangenheit wieder lebendig. Judith Kepler, bei der die Jahre im Heim unverheilte Narben hinterlassen haben, ist eine ganz besondere Figur, die raubeinig und abgebrüht daher kommt. Sie ist eine Überlebenskünstlerin, die bei näherem Hinschauen einen rauhen Charme versprüht, so dass sie am Ende diejenige ist, bei der der Leser auf jeden Fall bleiben möchte und die Einzige, der man vertrauen kann. Denn mit dem Vertrauen ist es keine leichte Sache bei den Geheimdiensten. So weiß Judith auch nicht, was sie von Quirin Kaiserley halten soll, einem Altgedienten des BND, der im Fernsehen auspackt und ihr scheinbar helfen will. Er scheint endlich die Geister der Vergangenheit zum Schweigen bringen zu wollen, um seinen Frieden zu finden.

Mit Judith Kepler hat Elisabeth Herrmann eine interessante und vielschichtige Figur geschaffen, die vielleicht nicht auf den ersten Blick sympathisch ist, aber dennoch berührt. Quirin Kaiserley, der einsame Wolf auf der Suche nach Gerechtigkeit und Vergebung ist ebenfalls interessant, aber man weiß nicht recht, wie weit man ihm über den Weg trauen kann. Die anderen Figuren im großen Spiel der Geheimdienste sind Mitspieler, auf die eher kleine Schlaglichter geworfen werden. Verwirrend ist zum Teil der Umgang mit den verschiedenen Decknamen, so dass ich oft überlegen musste, wer das jetzt eigentlich ist.

Herrmann enthüllt gemächlich immer mehr Details im Zusammenhang um die „Akte Rosenholz“ und den Tag in Sassnitz, als alles anders lief als geplant. Immer wieder wartet sie dabei mit Überraschungen auf, so dass es vor allem im letzten Drittel atemlos spannend wird. Die Details, die die Geheimdienste und das Vorgehen betreffen, scheinen gut recherchiert (oder überzeugend ausgedacht) und geben einen überzeugenden Einblick in die Arbeit von Geheimdiensten und vor allem der Stasi. Auch sprachlich ist der Roman authentisch, wie nebenbei gespickt mit DDR-Jargon ohne unecht zu wirken. Allein die vielen Abkürzungen können auf Leser, die sich noch nicht mit Geheimdiensten und der Stasi beschäftigt haben, abschreckend wirken. Weitestgehend kam ich damit klar, allein was eine HV A ist, hat sich mir erst durch Google erschlossen. Die meisten Abkürzungen sind aber geläufig.

Mich konnte „Zeugin der Toten“ komplett überzeugen und ich freue mich sehr, dass in einigen Tagen mit „Stimme der Toten“ ein weiterer Fall mit Judith Kepler erscheint.

© Tintenhain

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Leseprobe

Die Reihe
1. Zeugin der Toten
2. Stimme der Toten (erscheint 14.08.2017)

Elisabeth Herrmann: Zeugin der TotenCover (c) List Ullstein

Reihe, Band 1
Taschenbuch:
432 Seiten

Verlag: Ullstein Taschenbuch (8. Juni 2012)
zuerst erschienen bei List (2. März 2011)
ISBN-10: 3548284124
ISBN-13: 978-3548284125
Preis: 9,99 € (D)
Kaufen und kostenlos liefern lassen: Buchhandlung Graff (Affiliate)
gekauft

 

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6 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Trackback: Neu im Bücherregal #45 | Tintenhain
  2. Saskia
    Aug 08, 2017 @ 14:25:08

    Super interessant und spannend klingt das!
    Politthriller mag ich gerne und das es sogar mehrere Teile gibt finde ich auch super 🙂
    Liebe Grüße
    Saskia

    Gefällt mir

    Antwort

  3. Yvonnes Bücherecke
    Aug 07, 2017 @ 07:20:14

    Das klingt ja toll .

    Ich finde es ja super interessant, dass es auf Rügen spielt. Da ich in Stralsund geboren wurde und dem entsprechend oft auf Rügen bin, bin ich jetzt richtig neugierig auf das Buch.

    Vielen Dank für die tolle Rezension.

    Liebe Grüße
    Yvonne

    Gefällt 1 Person

    Antwort

  4. Kerstin
    Aug 07, 2017 @ 07:12:25

    Hey Mona
    immer wenn ich eine Rezension bei dir lese will ich direkt losziehen und das Buch kaufen.
    Hiermit hast du mich auch wieder voll erwischt. Scheint eine gelungene Mischung zu sein und ich lese eh sehr gerne Geschichten die so ein bisschen was reales haben und Geschehnisse aus der Vergangenheit aufarbeiten.
    Dieses Cleanerin macht mich jedenfalls irre neugierig.
    Danke für die tolle Rezension, Buch ist (mal wieder) gemerkt 🙂
    Liebe Grüße
    Kerstin

    Gefällt 1 Person

    Antwort

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